eine träne für robert enke und eine gesellschaftliche verantwortung, die wir alle zu tragen haben.

http://bit.ly/9lJqpt »Der blutende Ball – Erinnerung an Robert Enke«

»Die Stadt Hannover und der Klub, sie tun sich schwer mit diesem … 10. November, dem Jahrestag. Eine offizielle Veranstaltung gibt es nicht, auch beim Heimspiel am Sonntag gegen Dortmund gibt es kein Gedenken. „Am liebsten würden sie den Jahrestag einfach überspringen“, sagt ein Kenner, der nicht genannt werden will. „Nichts soll die Mannschaft belasten.“ Hannover liebt jetzt Lena, die Sängerin im schwarzen Minikleid. Süß, erfolgreich, lebendig.«

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Mainpost Würzburg

WÜRZBURG

Der blutende Ball – Erinnerung an Robert Enke

Robert Enke: Kaum ein Tod hat Deutschland so bewegt wie der Suizid des an Depressionen leidenden Fußball-Nationaltorhüters. Ein Jahr später erinnern sich Freunde und Weggefährten an ihn, sein Klub Hannover 96 indes tut sich schwer mit dem Gedenken. 

In der Fußgängerzone von Hannover steht ein orangefarbener Kranwagen, der ausgefahrene Arm kitzelt das Geäst der Platane. Zwei Männer auf der kleinen Plattform schlingen eine Weihnachtsbeleuchtung durch die Zweige, aber: War nicht gerade erst Advent? Wohin ist dieses Jahr nur so schnell entfleucht, dass jetzt schon wieder Lichterketten aufgehängt werden? Ist es wirklich schon ein Jahr her, seit sich der Fußball-Nationaltorhüter Robert Enke das Leben genommen hat? Es ist. Ein Jahr, seit ganz Deutschland, so schien es damals, Anteil nahm an der Tragödie des 32-jährigen Torwarts von Hannover 96. Eine Depression hat ihn glauben lassen, ein Gang auf die Geleise könne die Lösung sein. Es war der 10. November 2009, gegen 18.15 Uhr kam der Regionalexpress aus Bremen.Am Tag danach macht Enkes Ehefrau Teresa, eine ehemalige Fünfkämpferin aus dem fränkischen Bad Windsheim, in bewegenden Worten die Krankheit ihres Mannes öffentlich, spricht von der Liebe und vom Kampf um Robert Enke, den die engste Familie, die Vertrauten verloren haben. Die Schwäche eines erfolgreichen und sehr gut bezahlten Profis, achtmaliger Nationalspieler und als Nummer eins für die Weltmeisterschaft in Südafrika gesetzt, das passte nicht ins Bild, das die Gesellschaft von ihren Fußballhelden hatte. Binnen Stunden verwandelt sich das Stadion am Maschsee zu einer Gedenkstätte. Ein Meer aus Grablichtern flutet den Vorplatz, und im rötlich flackernden Licht der Kerzen sind Fotos zu sehen, die Robert Enke zeigen, wie er seine kleine Tochter Lara auf dem Arm trägt. Es sind Bilder scheinbarer Glückseligkeit. Denn im September 2006, im Alter von zwei Jahren, war die mit einem Herzfehler geborene Lara nach einer Ohroperation gestorben.Hannover wird zu einer weinenden Stadt, als am 15. November der Sarg von Robert Enke im Mittelkreis des Stadions aufgebahrt wird. 35 000 sind gekommen, die Luft riecht salzig, nach Tränen. Worte sollen das Unbegreifliche greifbar machen. Die Trauerredner stehen vor diesem mit weißen Rosen verzierten Sarg und sprechen von Menschlichkeit, von Zivilcourage, von Trost. Die Botschaft soll sein: Denkt auch an die Schwachen. Nie wieder, kündigt der Verein an, soll die Nummer eins an einen anderen Torhüter vergeben werden.

Einen Beinaheabstieg und ein Jahr später steht Hannover 96 mit dem Trainer Mirko Slomka in der Spitzengruppe der Bundesliga. Im Tor wacht Florian Fromlowitz, wie selbstverständlich trägt er auf dem Rücken die 1. Bei den Fans ist das kein Thema. Die Schnelllebigkeit des Spitzensports, die Sucht nach Siegen und Erfolgen, sie übertüncht die Erinnerung. Mit Beginn der neuen Saison beendete der Klub seine Schockstarre, und Klubpräsident Martin Kind erklärte mit dem Feingefühl einer Planierraupe den Grund: „Es sterben täglich Menschen. In Familien, in Betrieben. Aber die Arbeit muss weitergehen.“ Jetzt, zum Jahrestag, sagte er im NDR-Fernsehen: „Ich habe menschlich zwar Verständnis, dass das persönliche Umfeld, das von der Krankheit wusste, Robert geschützt hat. Aber mit etwas Distanz sehe ich das deutlich differenzierter. Ich denke, hätten sie anders gehandelt, hätte man vielleicht andere Optionen haben können, vielleicht sogar, dass Robert Enke heute noch leben würde.“

Die Stadt Hannover und der Klub, sie tun sich schwer mit diesem nahenden 10. November, dem Jahrestag. Eine offizielle Veranstaltung gibt es nicht, auch beim Heimspiel am Sonntag gegen Dortmund gibt es kein Gedenken. „Am liebsten würden sie den Jahrestag einfach überspringen“, sagt ein Kenner, der nicht genannt werden will. „Nichts soll die Mannschaft belasten.“ Hannover liebt jetzt Lena, die Sängerin im schwarzen Minikleid. Süß, erfolgreich, lebendig.

Im Fanshop am Stadion kommt der Name Robert Enke nur klein gedruckt auf einem T-Shirt mit allen 96-Legenden vor, im Stadtrat gibt es die Anregung, eine Straße an der Arena in Robert-Enke-Weg umzubenennen. Und im Klatschblatt „Bunte“ antwortet Martin Kind auf die Frage, was sich seit dem Tod Robert Enkes verändert hat: „Wenn ich ehrlich bin, gar nichts.“

Das Grand Hyatt in Berlin ist ein vornehmes Hotel am Potsdamer Platz. Für einige Tage hat sich hier die Nationalmannschaft einquartiert, es ist der Tag vor dem Länderspiel gegen die Türkei. In der Lobby begegnen sich Journalisten und Spieler, an einem Tischchen sitzt Philipp Lahm mit einem „Spiegel“-Reporter. Dass so eine entspannte Atmosphäre herrscht, dass die Mannschaft hierzulande so hohe Sympathiewerte genießt wie nie zuvor, manche sagen, das sei auch ein Verdienst von Robert Enke, dem Fußballspieler mit Herz. Es sei seine Saat, die aufgeht. Denn gerade unter Torhütern herrschte über Dekaden ein gnadenloser Verdrängungswettkampf, die Rivalität von Oliver Kahn und Jens Lehmann ist legendär.

Hans-Dieter Hermann bestellt sich einen Kaffee in der Lobby. Der Psychologe der Nationalelf sagt, das Verhältnis zwischen den Torhütern der Nationalelf sei sehr von gegenseitigem Respekt gekennzeichnet. „Das ist auch positiv für das Mannschaftsklima und ein Umgang, den Robert durch sein Verhalten über Jahre mitgeprägt hat.“ Nichts verändert also? „Meine Erfahrung in den vergangenen zwölf Monaten ist eine andere“, sagt Hermann. „Natürlich war nicht zu erwarten, dass die Fans jetzt mit den Gegnern kuscheln. Was sich aber geändert hat: Spieler trauen sich viel eher, Fachleute anzusprechen, wenn sie den Verdacht haben, selbst mit dem Druck nicht mehr fertig zu werden. Vertraulich wird auch einmal ein Mannschaftskamerad angesprochen. Spieler haben mir berichtet, dass sich die Kommunikationskultur innerhalb ihrer Mannschaften diesbezüglich geändert hat – nicht komplett, aber die Thematik ist nicht mehr tabu.“

Sportpsychologe Hermann bekommt sogar Rückmeldungen aus Führungsetagen von Firmen, die besagen, dass Roberts Tod einiges bewirkt habe: „Nämlich dass sich Menschen heute trauen, auch mal eine Schwäche zuzugeben, Hilfe anzunehmen, oder überhaupt darüber zu sprechen.“

Hermann erinnert sich gut an Robert Enke, er mochte ihn, seine SMS im Handy hat er noch immer nicht gelöscht: „Mit Robert wurden die Gespräche sehr schnell auch tiefer gehend.“ Die Veränderung des Torhüters war Hermann deshalb nicht verborgen geblieben. Nachdem keine Ursache für seine Ermüdungserscheinungen gefunden wurden, dachte Hermann an ein Burn-Out-Syndrom oder eine Depression. „Ich hatte den Eindruck, dass mehr dahinter stecken könnte als ein Virus.“ Doch Nachfragen zu seiner psychischen Verfassung habe Enke stets abgeblockt. Im Gegenteil, er habe ihm gesagt, wie glücklich gerade jetzt sein Privatleben sei. „Heute weiß ich, dass er damals schon in Behandlung war und den Kreis der Wissenden einfach sehr klein halten wollte.“ Deshalb macht sich Hermann auch keine Vorwürfe: „Ich habe nicht das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben.“ Aber da gibt es auch Fragen wie diese: „Hättest du etwas noch besser machen können oder müssen?“

Wer will das beantworten? Sicher ist sich Hermann indes, dass es in der Beurteilung zu einigen Verwechslungen kam. „Viele Redner forderten nach Roberts Tod für jeden und alles Toleranz. Einige haben so getan, als ob Robert aufgrund des Fußballs krank geworden wäre, oder aufgrund von bösartigen Fans. Das ist eine Verkennung der Situation“, sagt Hermann. „Das, was der Fußball damit zu tun hatte, ist die Tatsache, dass er als Profispieler in der Öffentlichkeit auch in Phasen der Niedergeschlagenheit immer wieder beste Leistungen erbringen musste und sich in schwierigen psychischen Situationen nicht zurückziehen konnte. Das macht den Umgang mit dieser Krankheit, die möglicherweise ganz andere Ursachen hat, für einen öffentlichen Menschen so schwer. Das gilt nicht nur für Fußballer.“

Die Woche nach Robert Enkes Tod war eine große Herausforderung für die Nationalspieler. „Viele haben ja noch nicht einmal den Tod der eigenen Großeltern erlebt, sie wurden noch nie mit dem Tod konfrontiert“, so Hermann. „Das war ein Stück harte Persönlichkeitsentwicklung für manche.“ Für Lahm, Schweinsteiger, Neuer und Co. rückte dennoch bald die anstehende Weltmeisterschaft in Südafrika in den Fokus, und Hans-Dieter Hermann erinnert sich an eine schöne Szene aus Erasmia, dem Teamquartier im Hochland von Johannesburg. Es war nach dem sagenhaften 4:0-Sieg über Argentinien im Viertelfinale, und Bundestrainer Joachim Löw sagte: Dass es so gut laufe, verdanke die Mannschaft auch jenen Spielern, die in der Qualifikation dabei gewesen seien. Wie selbstverständlich sei da auch Robert Enkes Name gefallen. „Der Robert“, sagt Hermann, „der hat hier einen guten, unaufgeregten Platz im Team und bei den Verantwortlichen.“

Manche Besucher in der Hannoveraner Buchhandlung „Schmorl & von Seefeld“ blicken irritiert, als sie die Treppe in den ersten Stock hinaufsteigen. Fernsehkameras sind aufgebaut, Stühle verstellen den Flur, hinter drei Sesseln steht ein Plakat, von dem Robert Enke fast verschmitzt hinunterblickt. Das Gesicht und das Trikot sind dreckig, Zeichen des Kampfs, so sehen glückliche Sportler aus. Darüber steht: „Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben.“ Der Sportjournalist Ronald Reng hat das Buch geschrieben. Seit wenigen Wochen erst ist es auf dem Markt, aber bereits über 150 000 Mal verkauft worden. Reng, der aus Barcelona eingeflogen ist, ist ein brillantes Werk gelungen, klar in der Sprache, ohne Pathos.

Der Autor, selbst ein Torwart, und der Torwart, der gerne Gedichte schrieb, sie waren befreundet seit 2002. Die Biografie hatten sie eigentlich gemeinsam schreiben wollen. Jetzt sitzt Reng in einem der braunen Ledersessel, neben ihm Volker Wiedersheim, der Moderator, und Jörg Neblung, Enkes früherer Berater, Manager und Freund. Er war der Patenonkel der kleinen Lara. Es ist ihr einziger öffentlicher Auftritt zu diesem Buch. Es ist ein Donnerstagabend in Hannover. Knapp 200 Zuhörer sind erschienen, die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“, die die Diskussion mitpräsentiert, hätte über 1000 Eintrittskarten verkaufen können.

Reng scheut den Blick ins Publikum. Teresa Enke hatte ihm Zugang zu Roberts Tagebuchaufzeichnungen gewährt. „Er war schon sehr der Robert Enke, den wir glaubten zu kennen“, sagt Reng. Er erzählt Anekdoten, und wenn er sich an die gemeinsamen Stunden erinnert, sehen die Besucher in der ersten Reihe eine Träne in Rengs Auge. Nur einmal wird es etwas lauter, als Jörg Neblung, der viele Jahre Enkes Kümmerer war, auf Martin Kind zu sprechen kommt, ohne ihn beim Namen zu nennen. „Roberts Leben hätte nicht gerettet werden können“, sagt Neblung, „und wer eine solche Diskussion öffentlich führt, der zeigt nur seine große Unwissenheit.“

Über Teresa Enke, diese zierliche und doch so starke Frau, möchte Reng nicht sprechen, sie selbst hat sämtliche Interviewanfragen abgelehnt. Sie wohnt noch im umgebauten Bauernhof in Empede, dieser Tage erst wurde die Adoption der 19-monatigen Leila genehmigt. Das Mädchen lebte schon bei den Enkes, als Robert am Morgen des 10. November 2009 aus dem Hause ging.

Was bleibt? Das Beispiel Robert Enke habe gezeigt, „dass ein Fußballtorwart kein einsamer Cowboy sein muss“, sagt Ronald Reng, „sondern auch rücksichtsvoll sein kann. Daran kann sich jeder erinnern im täglichen Leben. Man muss sich nicht schämen, wenn man die Krankheit hat.“ Dass Robert Enke krank war, auch daran sollte sich jeder erinnern. „Denn am Leistungsgedanken im Fußball wird sich nichts ändern“, sagt Jörg Neblung, der Berater, „da werden immer die elf Stärksten spielen, und für die Schwachen wird kein Platz sein.“

Stift Haug liegt abseits der Würzburger Innenstadt, aber die Kirche hätte mehr Aufmerksamkeit verdient. Sie ist ein Ruhepol in der hektischen Bahnhofsstraße. Viel Weiß, Licht durchflutet das Innere. An den Wänden hängen großformatige Bilder, düstere, schwarze Tuschearbeiten aus dem Zyklus Apokalypse. Der Künstler heißt Jacques Gassmann, das wallende, grau melierte Haar fällt ihm ins Gesicht. Der Fußballprofi und der Maler, auch das ist ein Kapitel im kurzen Leben des Robert Enke. Die erste Begegnung 2004 erinnert Gassmann an eine Passionsszene: „Robert und die hochschwangere Teresa standen wohnungssuchend vor meiner Glastür.“

Schon seit zwei Jahren hatte der Künstler den liebevoll umgebauten Bauernhof in Empede verkaufen wollen. Seine Ehe war gescheitert, die monatlichen Kosten von 6000 Euro zusätzlich schmerzhaft. „Das war ein Fass ohne Boden“, sagt Gassmann über den Hof. Innerhalb von einem Tag wurde er mit den Enkes einig, zwei Tage später zogen sie ein. Die Bedingung: Jacques Gassmann dürfe noch drei Monate in dem 500 Quadratmeter großen Haus wohnen bleiben, bis er ein neues Domizil gefunden hatte. Es wurden sechs. „Ich fand diese Zeit spannend, interessant und witzig“, sagt der Maler, der mittlerweile im unterfränkischen Eisingen bei Würzburg lebt.

Von Stift Haug sind es nur ein paar Schritte zur Pizzeria in der Neutorstraße, Gassmann bestellt Pasta und einen Salat. Dann erzählt er. Es ist zu spüren, wie sehr er Robert mochte, der so vollkommen anders war als er, der Künstler, der Filou, der Freigeist. „Ich habe noch nie einen so sparsamen Menschen erlebt wie ihn.“ Robert Enke war der bestverdienende Fußballprofi bei Hannover 96, „aber er fragte mich, wo das Benzin billiger sei: An der Tankstelle beim Real oder bei Jet. Es war absurd.“ An Benzinpreise hatte Gassmann noch nie einen Gedanken verschwendet. Einmal, Robert war gerade für die Europameisterschaft 2008 nominiert worden, da rief er bei Gassmann an, der am anderen Ende von Hannover bei einer Kundin zwei Bilder anbrachte, einer Psychologin. „Ich habe mich total für ihn gefreut“, sagt der Maler.

Und er? Er habe nur wissen wollen, wo der Freund stecke, um ihm ein paar Briefe vorbeizufahren, die in Empede für ihn angekommen waren und die Enke sorgsam aufbewahrt hatte. Gassmann konnte es nicht fassen. Aber so sei Robert Enke gewesen, Gassmann zeigt auf seinem Handy eine alte SMS von ihm: „Alles etwas stressig derzeit, Du solltest auch mal etwas Tempo wegnehmen.“ Das war die Botschaft, dass wieder mal ein Strafzettel für den Künstler ins Haus in Empede geflattert war.

„Robert strahlte selten Freude aus, er war meist nüchtern“, und wenn ihn der Bundestrainer über einen Einsatz informierte, sprach er darüber „als habe gerade der Öllieferant angerufen“. Verschlossen sei Enke gewesen, und wenn er nach einem starken Spiel von Hannover 96 als Fußballheld auf den Bauernhof zurückgekehrt war, sah ihn Jacques Gassmann manchmal durch das Fenster, wie er im Garten die Hinterlassenschaften der Hunde zusammenkehrte, während drinnen in der Sportschau Enkes Taten gerühmt wurden. „Es gibt Momente“, dachte sich der Maler dann, „die sind nicht so richtig gerecht.“ Aber er erinnert sich auch an die Wärme, die der Fußballer ausstrahlte und an seine Briefe, die immer auch mit Lara unterschrieben waren, lange nach ihrem Tod. Manchmal auch mit Engel.

Gassmann war fasziniert. „Ich habe begonnen, mich für Fußball zu interessieren, und das Schöne war, dass Robert begann, sich für Kunst zu interessieren.“ Fast war der Künstler erstaunt über Enkes Aufmerksamkeit. „Einmal habe ich ihm beiläufig erzählt, wie sehr ich es liebe, nach dem Aufwachen im Bett einen Kaffee zu trinken.“ Einige Tage später klopfte es an der Tür. Robert Enke reichte ihm einen Cappuccino ins Zimmer.

Zu seinem 30. Geburtstag schenkte ihm Gassmann ein Bild mit dem Titel: Da ist Robert, und kein Tor. Der Torwart habe es gemocht, fast scheint es auf der Tuschezeichnung, als blute der Ball, den Enke in den Händen vor seinem Herzen hält. Symbolisch ist es allemal. Zwar hielt Gassmann Enke für „den Schwarzenegger des Spielfelds, so wie er sich in seiner Starrheit vor dem Stürmer aufgebaut hat“. Aber eines steht für den Künstler auch fest: „Eine Befreiung war für ihn der Fußball nicht.“ Vielmehr sei er gegangen, glaubt Gassmann, „weil er etwas nicht mehr ausgehalten hat“. Deshalb empfand der 47-Jährige die Trauerfeier im Stadion „als eine Inszenierung.

Enke wurde aufgebahrt in der Arena, die für ihn wie ein Gefängnis gewesen sein muss. Unter Pietät verstehe ich etwas anderes“. Viele Aussagen nach dem Tode des Freundes fand Gassmann „schleimig“: Es habe eine Überhöhung des Torwarts stattgefunden: „Das war furchtbar. Wenn er fünf Weltmeisterschaften gespielt und zwei Titel geholt hätte, hätte man ihm vielleicht ein Monument bauen können.“ Aber das, so der Maler, sei eben „die Heuchelei im Fußball“.

Zu Teresa Enke hat Jacques Gassmann keinen Kontakt mehr, sein Draht ging eher zu Robert, auch wenn er mit der Fränkin oft auf der Treppe vor dem Haus eine Zigarette geraucht hat. Auch am Grab auf dem Friedhof in Empede war er noch nicht. „Irgendwie bin ich noch narkotisiert. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass er für mich noch genauso lebendig ist wie vorher. Er ist mir immer noch sehr nah, seine Stimme vertraut.“ Als er die Nachricht vom Suizid am Telefon übermittelt bekam, ging Jacques Gassmann in Würzburg gerade über die Alte Mainbrücke. Zu Hause setzte er sich an die Leinwand. Diesmal nahm er kein Schwarz, in dieser Nacht griff der Maler zu warmen, orangefarbenen Tönen. Er widmete das Bild seinem Freund Robert Enke und nannte es schlicht: Das Wartezimmer.

Von unserem Redaktionsmitglied Achim Muth
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